Seit Jahren schließen bundesweit immer mehr Krankenhäuser – betroffen sind insbesondere kleine und mittelgroße Kliniken im ländlichen Raum. Das sogenannte Kliniksterben in Deutschland erreicht 2025 einen dramatischen Höhepunkt, mit unmittelbaren Auswirkungen auf Fachpersonal, Beschäftigungsmöglichkeiten und die stationäre Versorgung – besonders spürbar in Süddeutschland.
Aktuelle Situation und Ursachen
- Die Zahl der Krankenhäuser ist von etwa 2.221 (2002) auf 1.887 (2021) gesunken – ein Verlust von mehreren Hundert Einrichtungen.
- Über 85 Prozent der Krankenhäuser in Bayern und Baden-Württemberg rechnen für 2025 mit einem finanziellen Defizit
- Alleine in Baden-Württemberg wird für das Jahr 2025 erstmals ein Defizit von einer Milliarde Euro erwartet
- Hauptgründe sind steigende Personalkosten, sinkende Fallzahlen, ein oft veraltetes Finanzierungssystem und der weiterhin bestehende Fachkräftemangel
- Mehr als 90 Krankenhäuser stehen ab 2025 akut vor der Schließung, insbesondere in den Bundesländern Baden-Württemberg, Bayern, Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen.
Konsequenzen für Jobsuchende
- Ärzte und Pflegekräfte aus geschlossenen Häusern sind akut von Arbeitsplatzverlust betroffen, gleichzeitig steigt aber die Arbeitsbelastung in verbleibenden Kliniken deutlich.
- Nach Klinikschließungen entstehen an den Standorten zunehmend ambulante Gesundheitszentren, die neues Beschäftigungspotenzial bieten, jedoch meist weniger klassische ärztliche Stellen als ein Krankenhaus zur Verfügung stellen
- In strukturschwachen Regionen stehen Ärztinnen und Ärzte vor der Herausforderung, dass die Attraktivität als Arbeitgeber sinkt – teils ist der Dienstbetrieb nur noch mit internationalem Fachpersonal aufrechtzuerhalten
- Die Arbeitsbedingungen in den verbliebenen Kliniken verschlechtern sich durch Überlastung, Bereitschaftsdienste und gestiegene administrative Anforderungen, was zu einer erhöhten Fluktuation führt
Perspektiven und Herausforderungen für Arbeitgeber
- Träger und Klinikleitungen sehen sich mit einer Kettenreaktion konfrontiert: Wirtschaftlicher Druck, Fachkräftemangel und gesteigerte Anforderungen durch demografischen Wandel verschärfen die Lage weiter
- Die geplante Krankenhausreform fordert von den Kliniken, sich stärker auf bestimmte Leistungsgebiete zu fokussieren. Dies soll langfristig Qualität sichern, bedeutet aber kurzfristig weitere Umstrukturierungen und Unsicherheit – insbesondere für kleine Häuser
- In Ballungszentren wie München und Augsburg können größere Einrichtungen noch mit ihren Angeboten punkten, in ländlichen Bereichen dagegen sind Stellen schwerer zu besetzen. Viele Häuser sind auf ausländisches Personal angewiesen oder fusionieren mit umliegenden Standorten
Einordnung und Ausblick
Der Ausblick zum Kliniksterben in Deutschland bis 2030 zeigt eine weiterhin herausfordernde und dynamische Entwicklung:
- Verschiedene Szenarien prognostizieren, dass der Anteil der Krankenhäuser, die wirtschaftlich rote Zahlen schreiben, deutlich zunehmen wird. Im Basisszenario könnte der Anteil verlustreicher Kliniken bis 2030 auf circa 34 Prozent steigen, in pessimistischen Szenarien („Neustart“) sogar auf bis zu 75 Prozent mit einem durchschnittlichen Jahresverlust von bis zu -10 Prozent
- Das stationäre Leistungsvolumen dürfte insgesamt stagnieren oder nur moderat steigen, was zusammen mit dem demografischen Wandel und der sinkenden Verweildauer zu einer geringer ausgelasteten Krankenhauskapazität führen wird. Dies zwingt zur Anpassung der Krankenhausstrukturen, etwa durch den Rückbau von Kapazitäten und stärkere Spezialisierung
- Die Zahl der Ärztinnen und Ärzte sowie Pflegekräfte wird bis 2035 leicht zunehmen, doch der Fachkräftemangel bleibt bestehen, insbesondere wegen des hohen Anteils an Teilzeitkräften, dem überwiegend altersbedingtem Ausscheiden von Personal sowie der demografischen Situation in Herkunftsländern von ausländischem Fachpersonal. Ein Personalaufwuchs kann den Bedarf also nicht ausgleichen
- Laut Bundesgesundheitsministerium stehen bis zu 100 Kliniken bundesweit vor der Insolvenz, ohne eigenes Verschulden. „Die machen nichts falsch“, so Ex Gesundheitsminister Lauterbach, „sie haben zu wenig Patienten, um ihre Kosten zu decken“
- Die Auswirkungen für Patientinnen und Patienten sind gravierend: Längere Wege, zunehmende Versorgungsengpässe und steigende Belastung des verbleibenden Personals
- Ein Lösungsansatz liegt in einer besseren Verzahnung von ambulanter und stationärer Versorgung, insbesondere bei älteren Patientinnen und Patienten. Dies könnte die Belastung etwas abmildern
Wichtige Lösungsansätze liegen in:
- Kontinuierlichen Struktur- und Prozessoptimierungen in den Kliniken,
- Differenzierten und leistungsbezogenen Finanzierungsmodellen,
- Digitalisierung zur Entlastung der Beschäftigten,
- Verbesserung der Ausbildung und Verkürzung von Anerkennungszeiten für ausländisches Fachpersonal,
- Mehr Ambulanter Versorgung und Integrierten Versorgungsmodellen zur Entlastung der stationären Versorgung
Die Krankenhauslandschaft wird sich bis 2030 wahrscheinlich deutlich konsolidieren: Weniger, aber größere und spezialisierte Klinikstandorte mit verbesserten Versorgungsstrukturen und abgestimmter regionaler Krankenhausplanung
- Die politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen einschließlich der Krankenhausreform bleiben entscheidend für den Erfolg der Transformation, da die finanzielle Lage vieler Häuser aktuell sehr angespannt ist.
Insgesamt zeichnen sich schwere strukturelle Anpassungen ab, die gemeinsam von Politik, Kliniken und Fachpersonal gestaltet werden müssen, um die Versorgungsqualität in Deutschland langfristig sichern zu können.
Handlungsempfehlungen für Ärztinnen und Ärzte
- Flexibilität und die Bereitschaft, neue Versorgungsmodelle wie Gesundheitszentren oder MVZs in Betracht zu ziehen, werden immer wichtiger für die berufliche Zukunftssicherung.
- Zusatzqualifikationen, insbesondere im Bereich der ambulanten Versorgung, können die berufliche Attraktivität steigern.
- Mitgestaltungsmöglichkeiten bestehen am ehesten in Verbundsystemen, bei der Neugestaltung von Prozessen und beim Aufbau von Integrationsteams.
- Netzwerke mit anderen Ärztinnen und Ärzten sowie frühzeitige Orientierung über Veränderungsprozesse am Standort sind zentral.
Handlungsempfehlungen für Arbeitgeber
- Arbeitgeber müssen attraktive Arbeitsbedingungen bieten und auf Prozesseffizienz sowie Entbürokratisierung setzen, um qualifiziertes Personal zu halten
- Internationale Rekrutierung und familienfreundliche Dienstmodelle gewinnen an Bedeutung.
- Transparente Kommunikation zu Zukunftsplänen ist entscheidend, um Unsicherheit in den Teams zu verringern.
- Gezielte Weiterbildung im Bereich der Digitalisierung und Versorgung älterer Patienten kann helfen, sich auf die kommenden Anforderungen einzustellen
Das Kliniksterben stellt Ärztinnen, Ärzte und Arbeitgeber in Süddeutschland vor historische Herausforderungen, erfordert aber auch gemeinsames Handeln für nachhaltige Lösungen und eine neue Versorgungsstruktur.
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Facharzt Anästhesiologie
Quellen:
· Ärztezeitung: Bericht „DKI: Steigende Absolventenzahlen bei Ärzten und Pflegern“ (2024)
https://www.aerztezeitung.de/Politik/DKI-Steigende-Absolventenzahlen-bei-Aerzten-und-Pflegern-aber-keine-Entwarnung-451747.html
· Ärztezeitung.de, Spezifische Zahlen für Baden-Württemberg, Bericht vom 18.12.2024. Link: https://www.aerztezeitung.de/Wirtschaft/Fuenf-Prozent-der-Kliniken-in-Baden-Wuerttemberg-erwarten-2025-schwarze-Zahlen-455283.html
· Artikel zu Prognosen der Kliniken in Baden-Württemberg und Personalsituation, 2025:
https://www.aerztezeitung.de/Wirtschaft/Fuenf-Prozent-der-Kliniken-in-Baden-Wuerttemberg-erwarten-2025-schwarze-Zahlen-455283.html
· Bericht der Deutschen Krankenhausgesellschaft: Krankenhaus-Barometer, Deutsches Krankenhausinstitut (DKI), 27.12.2024.
PDF: https://www.dkgev.de/fileadmin/default/Mediapool/1_DKG/1.7_Presse/1.7.1_Pressemitteilungen/2024/2024-12-27_Anlage_DKI-Krankenhaus-Barometer_2024.pdf
· Deutsche Krankenhausgesellschaft, Wirtschaftliche Analyse zur Lage der Krankenhäuser, Bericht vom 27.12.2024.
https://www.dkgev.de/dkg/presse/details/wirtschaftliche-lage-der-krankenhaeuser-erreicht-historischen-tiefpunkt/
· DKG zur Klinik-Finanzierung und Auswirkungen der Preissteigerung, Stand 26.5.2025.
https://www.dkgev.de/dkg/presse/details/krankenhaeuser-begruessen-bundesratsbeschluss-zum-inflationsausgleich/
· Deutsches Krankenhausinstitut (DKI) im Auftrag der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG), „Entwicklung des Personalbestands im Krankenhaus bis 2035“ (2024) – Gutachten mit Prognosen zur Personalentwicklung:
https://www.dkgev.de/fileadmin/default/Mediapool/1_DKG/1.7_Presse/1.7.1_Pressemitteilungen/2024/2024-12-27_Anlage_DKI-Krankenhaus-Barometer_2024.pdf
https://www.dkgev.de/dkg/presse/details/auch-steigende-absolventenzahlen-koennen-fachkraeftemangel-im-gesundheitswesen-nicht-beheben/
https://www.dki.de/forschungsprojekt/entwicklung-des-personalbestands-im-krankenhaus-bis-2035
· Dokumentation aktueller Klinikschließungen: kliniksterben.de, Übersicht Schließungen und Insolvenzen, Stand Juli 2025.
Detaillierte Berichte zu Klinikschließungen in 2025 auf kliniksterben.de:
· https://www.kliniksterben.de/friedhof/2025/03/
· https://www.kliniksterben.de/friedhof/2025/05/
· https://www.kliniksterben.de/friedhof/2025/06/
· Einschätzungen und Prognosen der Bayerischen Krankenhausgesellschaft (BKG): ZEIT Online, 19.3.2025.
https://www.zeit.de/news/2025-03/19/krankenhausgesellschaft-kliniken-koennen-es-nicht-ueberleben
· Finanzielle Lage der Krankenhäuser in Baden-Württemberg mit über 2 Mrd. Euro Defizit, Forderung nach Unterstützung vom Bund: SWR Aktuell Baden-Württemberg, 25.3.2025.
https://www.swr.de/swraktuell/baden-wuerttemberg/krankenhaeuser-in-bw-fehl-es-an-milliarden-100.html
· Kliniksterben und wirtschaftliche Lage der Kliniken in Bayern: kma-online.de, „85 Prozent der bayerischen Krankenhäuser im Minus“, 2025.
https://www.kma-online.de/aktuelles/klinik-news/detail/85-prozent-der-bayerischen-krankenhaeuser-im-minus-53635
· Krankenhaussituation und Entwicklungen im Kliniksterben – detaillierte Darstellung: welt.de, „Kliniken: Deutschlands bedrohliches Krankenhaussterben“, 2025.
https://www.welt.de/wirtschaft/article247637090/Kliniken-Deutschlands-bedrohliches-Krankenhaussterben.html
· Medienmitteilung Bundesgesundheitsministerium, Regierungskommission, 7.3.2025:
https://www.bundesgesundheitsministerium.de/presse/pressemitteilungen/regierungskommission-legt-abschliessende-stellungnahmen-zur-krankenhausreform-vor-pm-07-03-2025.html
· medconweb.de, Gastbeitrag Klaus Emmerich zur Krankenhausreform, 14.2.2025.
· Pressekonferenz Bündnis Klinikrettung (2024): „Schließungsbilanz 2024 – Ausdünnung der deutschen Krankenhauslandschaft und Auswirkungen der Krankenhausreform (KHVVG)“, 20.11.2024.
https://medinfoweb.de/data/CMM_Multicontents/files/PM/Pressekonferenz_Buendnis_Klinikrettung_KHVVG_20241120.pdf
· Pressemitteilung der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG), November 2024: „Gesundheitsversorgung gemeinsam gestalten: Fachkräfte im Fokus“ – strategische Handlungsfelder zur Fachkräftesicherung:
https://www.dkgev.de/fileadmin/default/Mediapool/1_DKG/1.3_Politik/Positionen/2024_Positionspapier_Gesundheitsversorgung_gemeinsam_gestalten_Fachkraefte_im_Fokus.pdf
· PwC-Studie „Fachkräftemangel im deutschen Gesundheitswesen“ (2022) mit Szenarien bis 2035:
https://www.pwc.de/de/gesundheitswesen-und-pharma/fachkraeftemangel-im-deutschen-gesundheitswesen-2022.html