Was ist ein Recall in der Arztpraxis?
Grundprinzip: Erinnerung an medizinisch sinnvolle Termine
„Recall“ bedeutet im Praxisalltag, dass Patient:innen aktiv an notwendige oder empfohlene Untersuchungen erinnert werden – z. B. Vorsorge, Impfungen, Kontrolluntersuchungen oder Disease-Management-Programme. Das Recall-Verfahren stellt sicher, dass medizinisch relevante Termine nicht „untergehen“ und der Behandlungsplan konsequent umgesetzt wird.
Abgrenzung zu normaler Terminvergabe
Während eine klassische Terminvergabe meist vom Patientenwunsch ausgeht (z. B. akute Beschwerden), basiert der Recall auf einer vorausschauenden, medizinischen Planung. Die Praxis hält fest, wann ein Kontrolltermin vorgesehen ist, und startet rechtzeitig eine Erinnerung – etwa per Brief, SMS, E-Mail oder Telefonanruf.
Rechtliche und organisatorische Einordnung
Recall-Systeme sind kein gesetzlicher Zwang, werden aber von vielen Fachgesellschaften und Qualitätsmanagement-Systemen empfohlen, insbesondere im Rahmen von Früherkennungsprogrammen oder chronischen Erkrankungen. Wichtig ist dabei die Beachtung des Datenschutzes (Einwilligung zur Kontaktaufnahme, DSGVO-konforme Dokumentation).
Recall-System in der Arztpraxis: Aufbau und Funktionsweise
Definition der Recall-Kriterien
Zunächst legt die Praxis fest, für welche Patientengruppen und für welche Leistungen ein Recall eingerichtet wird – zum Beispiel Krebsvorsorge, Impfauffrischungen, Diabetessprechstunde oder Kontrolluntersuchungen beim KHK-Patienten. Für jede Leistung werden Intervalle (z. B. 6, 12 oder 24 Monate) definiert.
Technische Umsetzung im Praxisverwaltungssystem
Moderne Praxisverwaltungssysteme (PVS) und Arztsoftware bieten häufig integrierte Recall-Module. Dort werden Patient:innen mit ihrem jeweiligen Recall-Typ, Recall-Datum und bevorzugtem Kommunikationskanal hinterlegt. Das System erzeugt automatisch Listen oder Erinnerungen, sobald ein Recall-Zeitraum erreicht ist.
Kommunikation & Prozessablauf im Alltag
Im Praxisalltag sollte klar geregelt sein, wer das Recall-Management übernimmt (z. B. MFA, Praxismanager:in) und wann welche Aktionen erfolgen: erste Erinnerung, ggf. zweite Erinnerung, Dokumentation der Reaktion (Termin vereinbart, nicht erreichbar, keine weitere Kontaktaufnahme gewünscht).

Was bedeutet Recall für Patient:innen?
Bessere Vorsorge und Langzeitbetreuung
Durch ein Recall-Verfahren werden Vorsorge- und Kontrolltermine nicht dem Zufall überlassen. Patient:innen müssen nicht permanent an ihren „medizinischen Kalender“ denken, sondern erhalten eine strukturierte Unterstützung, um gesundheitlich „am Ball“ zu bleiben.
Sicherheit und Orientierung
Ein Recall-System schafft Orientierung: Patient:innen wissen, dass die Praxis ihre Behandlung im Blick behält und sie im richtigen Abstand wieder einbestellt. Das stärkt das Sicherheitsgefühl – gerade bei chronischen Erkrankungen oder nach größeren Eingriffen.
Serviceerlebnis und Bindung an die Praxis
Wenn Patient:innen merken, dass ihre Praxis sich aktiv meldet, entsteht ein stärkeres Vertrauensverhältnis. Recall ist daher nicht nur medizinisch sinnvoll, sondern auch ein wichtiges Instrument der Patientenbindung und Servicequalität.
Recall-Management: Organisation und Zuständigkeiten
Klare Verantwortlichkeiten im Team
Erfolgreiches Recall-Management braucht feste Zuständigkeiten. Idealerweise gibt es eine:n Recall-Verantwortliche:n, die/der Listen prüft, Erinnerungen auslöst, Rückmeldungen dokumentiert und auffällige Fälle (z. B. Nichtreaktion bei ernsthaften Diagnosen) der Ärztin/dem Arzt vorlegt.
Standardisierte Abläufe und Vorlagen
Einheitliche Textbausteine für E-Mails, Briefe und SMS sowie definierte Zeitpunkte für Erinnerungen (z. B. 4 Wochen vor Fälligkeit, 1 Woche danach) erleichtern die tägliche Arbeit. Standardisierte Abläufe machen das Recall-System transparent, überprüfbar und gut schulbar für neue Mitarbeitende.
Integration in das Qualitätsmanagement (QM)
Recall-Management lässt sich sehr gut in das Praxis-QM integrieren: mit Prozessbeschreibungen, Checklisten, regelmäßiger Auswertung (z. B. Teilnahmequoten an Vorsorgeprogrammen) und Verbesserungsmaßnahmen. So wird das Recall-Verfahren Teil einer kontinuierlichen Praxisentwicklung.
Recall-Verfahren in verschiedenen Fachrichtungen
Hausarztpraxis und Allgemeinmedizin
Typische Recall-Bereiche sind Check-up-Untersuchungen, Impfungen, DMP-Kontrollen, Blutdruck- und Diabeteskontrollen. Hier hilft Recall besonders, Risikopatient:innen frühzeitig zu erkennen und Komplikationen zu vermeiden.
Zahnarztpraxis & Kieferorthopädie
In der Zahnmedizin ist das Recall-System seit Jahren etabliert: regelmäßige Prophylaxe-Termine, Kontrollen von Füllungen oder Zahnersatz, kieferorthopädische Anpassungen. Gute Recall-Management-Strukturen steigern hier nachweislich den Erfolg von Prophylaxe-Konzepten.
Facharztpraxen (z. B. Gynäkologie, Kardiologie, Augenheilkunde)
In der Gynäkologie betrifft Recall z. B. Krebsfrüherkennungsuntersuchungen oder Schwangerschaftsbetreuung, in der Kardiologie Kontrolluntersuchungen bei Herzinsuffizienz, in der Augenheilkunde Glaukomkontrollen. Jede Fachrichtung kann spezifische Recall-Verfahren definieren, die auf Leitlinien und Empfehlungen beruhen.
Rechtliche und datenschutzrechtliche Aspekte beim Recall-System
Einwilligung der Patient:innen
Für aktive Kontaktaufnahmen (z. B. per SMS oder E-Mail) ist eine ausdrückliche Einwilligung erforderlich. Diese sollte schriftlich dokumentiert und in der Patientenakte hinterlegt werden. Patient:innen müssen außerdem darüber informiert werden, wie sie eine Einwilligung jederzeit widerrufen können.
Datenschutz und DSGVO-Konformität
Recall-Systeme verarbeiten Gesundheitsdaten, also besonders sensible personenbezogene Daten. Deshalb sind technische und organisatorische Maßnahmen notwendig: sichere Software, Zugriffsbeschränkungen, Protokollierung, keine unnötigen Datenweitergaben und klare Löschkonzepte im Sinne der DSGVO.
Inhalt der Recall-Nachrichten
Recall-Benachrichtigungen sollten so formuliert sein, dass keine unnötig sensiblen Informationen nach außen dringen, insbesondere bei E-Mail oder SMS. Oft genügt ein neutraler Hinweis auf eine „fällige Untersuchung“ oder einen „Kontrolltermin“, ohne Diagnose oder Details zu nennen.
Vorteile eines strukturierten Recall-Managements für die Praxis
Medizinischer Qualitätsgewinn
Regelmäßige Vorsorge und Kontrollen senken das Risiko von Spätkomplikationen, verbessern die Therapietreue und unterstützen leitliniengerechtes Arbeiten. Ein übersichtliches Recall-System hilft, diese Ziele zuverlässig zu erreichen.
Stabile Auslastung und bessere Planbarkeit
Recall-Patient:innen sorgen für planbare Termine und mehr Kontinuität im Praxisbetrieb. Das reduziert Leerlaufzeiten, glättet saisonale Schwankungen und erleichtert eine wirtschaftlich stabile Praxisführung.
Stärkung von Image und Wettbewerbsfähigkeit
In Zeiten hoher Erwartungen an Servicequalität und Erreichbarkeit Unterschied sich eine Praxis positiv, wenn sie aktiv an wichtige Termine erinnert. Ein professionelles Recall-Management wird von vielen Patient:innen als moderner und verlässlicher Service wahrgenommen.
Praktische Tipps für die Einführung eines Recall-Systems
Klein starten und ausbauen
Es ist nicht nötig, sofort alle Leistungen ins Recall-System aufzunehmen. Sinnvoll ist ein Start mit wenigen, aber wichtigen Bereichen (z. B. Vorsorge + Impfungen) und späterer Ausbau, wenn Abläufe gut funktionieren.
Patient:innen aktiv informieren und einbinden
Patient:innen sollten verstehen, warum Recall sinnvoll ist. Kurze Infos am Empfang, auf der Website oder in einem Praxisflyer helfen, Akzeptanz zu schaffen und Einwilligungen zur Kontaktaufnahme einzuholen.
Regelmäßige Auswertung & Optimierung
Einmal pro Jahr (oder öfter) sollte überprüft werden: Wie viele Recall-Einladungen werden verschickt? Wie hoch ist die Rücklaufquote? Wo gibt es Engpässe? So kann das Recall-Management kontinuierlich verbessert werden.
FAQs zum Recall-System in der Arztpraxis
Was ist ein Recall in der Arztpraxis?
Ein Recall ist eine strukturierte Erinnerung der Patient:innen an medizinisch sinnvolle Termine wie Vorsorgeuntersuchungen, Impfungen oder Kontrolltermine, die von der Praxis initiiert wird.
Was bedeutet Recall-Management?
Recall-Management umfasst die Planung, Organisation und Durchführung aller Recall-Prozesse – von der Definition der Recall-Kriterien bis zur praktischen Umsetzung, Dokumentation und Auswertung.
Brauchen alle Arztpraxen ein Recall-System?
Pflicht ist es nicht, aber es wird von vielen Fachgesellschaften und im Qualitätsmanagement dringend empfohlen, insbesondere für Vorsorge- und Langzeitbetreuung von chronisch Kranken.
Wie werden Patient:innen im Recall-System kontaktiert?
Üblich sind Erinnerungen per Telefon, Brief, SMS oder E-Mail – je nachdem, welche Kommunikationswege vereinbart und datenschutzrechtlich erlaubt sind.
Ist ein Recall-System datenschutzkonform umsetzbar?
Ja, wenn Einwilligungen vorliegen, Inhalte der Nachrichten datensparsam formuliert werden und geeignete technische und organisatorische Maßnahmen zur Datensicherheit umgesetzt sind.
WBA* in Allgemeinmedizin
Facharzt für Allgemeinmedizin/hausärztl. Internist (m/w/d), für Rheumatologie, für Gynäkologie, für Psychosomatik
Leitender Oberarzt (m|w|d) als Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie
Oberarzt (m/w/d) für Hämatologie und Onkologie in Vollzeit
Facharzt für Neurologie oder Facharzt für Psychiatrie
Ärztliche Leitung Psychosomatik (m/w/d)
ÄRZTLICHE GUTACHTER M/W/D
Fachärztin/-arzt für Kinder- und Jugendmedizin (m/w/d) oder für Allgemeinmedizin (m/w/d) mit pädiatrischer Erfahrung
Quellenverzeichnis (aufgerufen am 27.11.2025)
Kassenärztliche Vereinigung Sachsen-Anhalt (KVSA): „Recall-Management – Vorsorge und Früherkennung in den Praxisalltag integrieren“, PRO 11/2017, Magdeburg, 2017. KVSA
Kassenärztliche Vereinigung Westfalen-Lippe (KVWL): „Recall-Management einführen. Praxisanweisung“, Version 1.0, 04.04.2022. KV Westfalen-Lippe
Doctolib GmbH: „Recall-System in der Arztpraxis“, Blogbeitrag vom 20.10.2023 (aktualisiert am 20.10.2023). Doctolib Pro - Deutschland
abrechnungsstelle.com (Christoph Lay): „Recall-Systeme in der Arztpraxis: Tipps und Anbieter-Vergleich (inkl. Checkliste & Vorlagen zum Download)“, 17.05.2024, Aktualisierung 07.09.2025. abrechnungsstelle.com
Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV): „Qualitätsmanagement: Maßnahmen nach Einrichtungsart – Qualitätsmanagement wird bundesweit ‚gelebt‘: Ergebnisse nach Einrichtungsart“, QM-Stichprobenerhebung 2023. KBV -
Bundesärztekammer (BÄK): „Kategorie 5: Qualitätsmanagement – Muster-Qualitätsmerkmale“, o. J. Bundesärztekammer
Gemeinsamer Bundesausschuss (G-BA): „Früherkennungsuntersuchungen im Überblick“, Themenseite Früherkennungsuntersuchungen, Berlin, o. J. Gemeinsamer Bundesausschuss
Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG): „Welche Früherkennungsuntersuchungen bezahlt die gesetzliche Krankenkasse?“, Gesundheitsinformation.de, erstellt am 20.04.2022. gesundheitsinformation.de
Datenschutz-Grundverordnung: „Art. 9 DSGVO – Verarbeitung besonderer Kategorien personenbezogener Daten“, konsolidierte Fassung des Verordnungstextes auf dsgvo-gesetz.de. Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO)
Stiftung Datenschutz: „Gesundheitsdaten – Praxisratgeber“, Leipzig, 2025.. Stiftung Datenschutz
Kassenärztliche Vereinigung Bayerns (KVB): „Disease Management Programme“, Themenseite für Mitglieder, München, laufend aktualisiert. Kassenärztliche Vereinigung Bayerns
Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) / Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA): „BZgA: 50 Jahre Prävention und gesundheitliche Aufklärung“, News-Meldung vom 12.07.2017. dosb.de